27. August 2010
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Die Organisationen sind mächtige, aber auch nützliche Partner der Veranstalter – einige Beispiel
Sie sind ein bisschen wie die graue Eminenz: Nach vorne hin repräsentieren sie, hinten halten sie die Fäden zusammen und ziehen an den Strippen. Die Rede ist von Verbänden. Ihr Handeln prägt die deutsche Messelandschaft ungemein. Einige Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zeigen, wie kräftig einige Verbände die Branche aufmischen.
So kämpft der Messeplatz Berlin derzeit darum, die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) zu behalten. Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), Veranstalter und Inhaber der Namensrechte, hatte im März dieses Jahres eine Neuausschreibung der Messe bekanntgegeben. Der BDLI wollte Anfang Mai den neuen Standort nennen, eine Entscheidung steht jedoch bislang noch aus. Laut Branchenkreisen sind nur noch Berlin und Leipzig/Halle im Rennen.
Auch bei anderen Verbänden gab es in der Vergangenheit immer wieder ein Kräftemessen. So zog im vergangenen Jahr die Computerspielmesse Games Convention von Leipzig nach Köln um. Der Trägerverband BIU begründete seine Entscheidung, die Veranstaltung solle internationaler und noch erfolgreicher werden. Weil die Sachsen die Namensrechte nicht abgeben wollten, heißt der Kölner Nachfolger der Games Convention nun Gamescom.
So richtig Freude dürfte am rheinischen Messeplatz aber dennoch nicht aufkommen. Zwar können sich die Kölner über den Zugang aus Leipzig freuen, müssen aber selbst einen herben Schlag hinnehmen und große Teile der Textilmesse IMB – World of Textile Processing – nach Frankfurt ziehen lassen. Der ideelle Träger, der Fachverband Bekleidungs- und Ledertechnik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), hatte kurz nach Abschluss der Messe im April 2009 die Zusammenarbeit mit der Kölnmesse einseitig aufgekündigt und will sich stattdessen künftig bei der neuen Frankfurter Textilfachmesse Texprocess engagieren. Der Verband begründet die Entscheidung vor allem mit der Erfahrung der lokalen Messebetreiber im textilen Bereich. Die Messe Frankfurt verfüge über die mit Abstand höchste Messekompetenz für die gesamte textile Kette. Ein – wenn auch kleineres – Trostpflaster für die Kölner dürfte, neben der Gamescom, ein weiterer Zugang sein: die internationale Fachmesse für Gebrauchtmaschinen USETEC. Der Fachverband des Maschinen- und Werkzeug-Großhandels (FDM) entschied sich für Köln als neuen Standort, nachdem er zuvor die Gebrauchtmaschinen-Messe Resale in Karlsruhe unterstützt hatte.
Die Tatsache, dass vor allem Verbände kräftig am Messekarussell drehen, auch mit negativen Folgen für den jeweiligen Messestandort, lässt nach Auffassung von Experten aber keinesfalls die Schlussfolgerung zu, dass die Organisationen zu mächtig sind. Zwar hätten, so der Marketing-Professor Manfred Kirchgeorg, Verbände durch ihre Bündelungsleistung auch eine Machtfunktion, da sie die Branche repräsentieren und ihr Interessenprofil einflussbringend einsetzen könnten. Dies geschehe aber überwiegend auch im Interesse der Messegesellschaft, betont der Inhaber des Lehrstuhls Marketing Management an der HHL – Leipzig Graduate School of Management. Verbände hätten eine Reihe von Funktionen für die Messeplätze. Sie seien Wissensträger einer Branche, Impulsgeber, auch selbst Veranstalter von Messen. Darüber hinaus helfe die Bündelungsfunktion der Verbände den Messen, die Branche besser in der Breite anzusprechen und zur Teilnahme zu motivieren. „Damit verringern Verbände die Koordinationskosten für die Messen.“
Auch für Hermann Kresse, Chef der internationalen Messeberatung KME Consulting Group in Berlin, sind starke Verbände primär wichtige Partner. Verbände seien Kanalisatoren für Branchen-Communities und damit unverzichtbare Ansprechpartner für Messegesellschaften. „Dabei ist der Organisationsgrad in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich. Je stärker er ist, desto mächtiger sind die Verbände.“ Solange die Organisationen ein echter Spiegel der vertretenen Branche seien, also deren Meinungen effizient und mit einer gewissen übergreifenden Neutralität kanalisieren würden, könnten sie sehr produktiv sein für Messen. „Wenn Verbände allerdings nicht mehr repräsentativ für Branchen sind oder ihre Macht überziehen und dabei all zu gierig nach Vergütungen für ihre Marketingdienste, können sie kontraproduktiv wirken. Negativ wirkt sich nach Auffassung von Professor Kirchgeorg auch die Tatsache aus, dass Verbände die Flexibilität von Messeveranstaltern deutlich einschränken können, in dem sie Einfluss auf die Gestaltung einer Messeveranstaltung nehmen. Dies werde dann spürbar, wenn beispielsweise neue Branchen oder Unternehmen außerhalb des Branchenkontextes aufgenommen werden sollen.
Von den Veranstaltungswechseln negativ betroffene Messeplätze zeigen sich nicht nachtragend. Es könne natürlich zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Interessen zwischen Verband und Messe kommen – auch mit der Konsequenz einer Beendigung der Zusammenarbeit, sagt Lea Mock, Unternehmenssprecherin der Messe Leipzig. Im Falle der Games Convention habe sich der Verband weniger gegen die Messe, sondern mehr gegen die Region entschieden. „Verbände sind für uns ganz, ganz wichtig und entscheidend als Türöffner und Multiplikator, um Zugang zu großen Ausstellergruppen zu gewinnen, um an Zielgruppen überhaupt heranzukommen.“ Auch Berlin-Messesprecher Michael T. Hofer signalisiert vor dem Hintergrund eines möglichen Ila-Wechsels Verständnis für die Überlegungen des Verbandes: „Der Verband eruiert die Standortbedingungen und macht seinen Mitgliedern einen Vorschlag. Und wenn dann die Mehrheit sagt: Wir wollen dorthin, dann wird der Verband sich nicht dagegen sperren.“ Daher gehe es in solchen Fällen weniger um Machtausübung, sondern mehr um Einflussnahme.
Experten warnen indes davor, Verbände nur als selbstlose Vollstrecker von Mehrheitsentscheidungen zu sehen. Nicht selten beobachte man, so der Sprecher des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (Auma), Harald Kötter, ein ausgesprochen kesses Verhalten. „Wenn ein Verband die wichtigen Aussteller oder den großen Teil der wichtigen Aussteller vertritt, haben sie natürlich die Möglichkeit, eine ganze Messe zu verlagern – zwar nicht direkt, sondern indem man die wichtigen Aussteller mitnimmt. Damit wird der alten Messe quasi der Boden entzogen.“ Messe-Berater Kresse sieht in starken Verbänden auch harte Kalkulatoren: „Wer eine Messe in einer Stadt mit geringerem Besuchereinzugsgebiet zur Blüte gebracht hat, liebäugelt schon gerne mit Regionen, die mehr Besucher anziehen – sicher nicht zum eigenen finanziellen Schaden.“